Alexander Willms

In dieser Ausgabe von Nachgefragt! Künstler im Gespräch stellen wir Euch einen fantastischen Künstler mit ungewöhnlichen Instrumenten vor. Alexander Willms spielt seit Jahren bei der Folkrock Band Versengold. Der ruhige Riese mit dem weiß-grauen Bart lässt mit seinem gefühlvollen Spiel auf Instrumenten wie der Nyckelharpa, der Concertina und der Geige nicht nur Frauenherzen schmelzen. Belesen, bedacht und bescheiden sind die Wörter mit denen ich ihn kurz beschreiben würde. Wie er zu seinen ungewöhnlichen Instrumenten kam und mit wem er am liebsten abends spazieren möchte, könnt ihr nun hier in diesem Interview lesen.

Steckbrief

Name: Alexander Willms
 

 

Alter: 44

 

Bands: Versengold

 

Instrumente: Geige, Schlüsselfidel, Anglo Concertina, Klavier

 

Interview

Navigator: Kommst du aus einer musikalischen Familie? Welchen Stellenwert hat Musik für dich?

Alex: Ja. In meiner Familie hat jeder ein Instrument gelernt. Die meisten Geige. Ich wollte das damals nicht weil ich es schrecklich fand, und habe nach musikalischer Früherziehung und Blockflöte dann ab ca. 9 Jahren wöchentlich Klavierunterricht bekommen. Mit 14 habe ich dann angefangen, zu Gottesdiensten in der Kirche das Harmonium, und später die Orgel, die das alte Harmonium ersetzte, zu spielen.

Als es dann langsam auf die 18 bei mir zuging, hatte ich dazu eigentlich keinen Bock mehr, und ich wollte lieber E-Gitarre wie Brian May spielen.

Daraufhin habe ich dem alten Geigenlehrer, wo quasi meine ganze Verwandtschaft Unterricht hatte, eine alte Konzertgitarre abgekauft, und versucht, damit dann anzufangen. In meiner Ausbildungszeit zum Industriekaufmann (ich habe es gehasst), konnte ich mir zum Leidwesen meiner Eltern die erste E-Gitarre mit Verstärker leisten, und habe darauf als erstes Stück, „Creep“ von Radiohead gespielt, weil ich das Gefühl der verzerrten Gitarre so geil fand.

Das war so die Zeit, wo ich anfing am Wochenende auf Konzerte zu gehen, und beim spontanen Besuch eines Irish Folk Festivals, wo ich zum ersten mal Geigen außerhalb der Kirche sah, sollte sich mein Leben verändern.

Aber diese Geschichte ist zu lang....

Musik hatte und hat, also immer einen großen Stellenwert in meinem Leben. Hören wie praktizieren.

 

 

Navigator: Wie kam es dazu, dass du begonnen hast, dich für „eher ungewöhnliche“ Instrumente zu interessieren.

Alex: Während ich mich intensiv mit dem Erlernen der Geige beschäftigt habe, stellte sich mir die Frage, wie ist die Geige entstanden, was gab es vorher?! Da es zu dieser Zeit, das war so zwischen 1993-96, noch kein Internet gab, wo man mal eben alles ergooglen kann, musste ich mühselig aus Büchern meine Informationen holen. Durch Leute die ich damals kennenlernte, die die gleichen Interessen wie ich verfolgten, bin ich dann auf den „Verlag der Spielleute“ gekommen. Hier konnte ich dann CDs bestellen, und diese waren in dem kleinen Katalog vom Verlag auch sehr gut beschrieben. Also mit Aufzählung der Instrumente. Und dort stand u. a. immer Schlüsselfidel und das hat mich sehr fasziniert. Der Weg zur ersten Schlüsselfidel war dann aber sehr lang, und es sollte, obwohl ich seit 1996 schon dafür entflammt war, noch bis 2008 dauern, bis ich mein erstes Instrument hatte. 2004 konnte ich den ersten internationalen Nyckelharpakurs auf Burg Fürsteneck mitmachen, wo ich so ein Instrument zum ersten Mal ausprobieren konnte. Der Mann, den ich damals wie heute für sein virtuoses Spiel bewundere, war auch dort, ebenso wie die Instrumentenbauerin, die seine NH gebaut hat. Bei Ihr habe ich dann meine Schlüsselfidel, die ich bis heute live spiele, in Auftrag gegeben, aber es dauerte noch über 3 Jahre, bis das Instrument fertig war. Da ich es trotz Sparen nicht schaffen konnte, das Geld über die Jahre zusammen zu bekommen, musste ich noch unter Schwierigkeiten und Bankwechsel meinen ersten Kredit aufnehmen. Dies ist kurz gefasst, eine von vielen Geschichten wie ich zu meinen Instrumenten kam. Ich habe immer Vollzeit in vielen Berufen gearbeitet, um nebenbei das alles machen zu können. Das war bis vor ein paar Jahren eine sehr, sehr harte Zeit für mich, die ich so nicht nochmal schaffen würde.

 

Navigator: Kannst du uns diese Instrumente vorstellen und kurz erklären was sie auszeichnet?

Alex: Ich beschäftige mich neben der Geige, die allerdings etwas in den Hintergrund gerückt ist, viel mit der Schlüsselfidel, der Anglo Concertina, und dem Klavier. Die Schlüsselfidel fasziniert mich nach wie vor durch ihre Bespielbarkeit, ihren komplexen Aufbau, und ihren hallenden Klang, der durch die vielen kleinen Resonanzsaiten entsteht. Die Concertina ist auch eines meiner Lieblingsinstrumente, weil ich auf ihr am liebsten die ganzen irischen Tunes spiele, und mir das Instrument irgendwie ganz gut liegt. Ich mag den leicht piepsigen Sound, und die Art der diatonischen Spielweise. Das heißt, wenn ich die Concertina ziehe oder drücke, kommt pro Knopf je nach Zugrichtung ein anderer Ton. Wenn ich das eingestrichene C spielen möchte, muss ich zusammendrücken, wenn ich das nächste D spielen möchte, auseinander ziehen, derselbe Knopf hat also 2 Töne. Klingt kompliziert, wenn man damit anfängt, ist es das auch.

Bild oben: Nyckelharpa, gebaut von Johannes Mayr

Bild unten: Anglo concertina

Navigator: Ein ungewöhnliches Instrument, das du mal gespielt hast, ist eine rumänische Strohgeige. Ein sehr spannendes Instrument, sowohl vom Klang als auch vom Aufbau. Wie kamst du zu diesem Instrument?

 

Alex: Das hat mir der damalige Freund meiner Schwester aus, ich glaube, Indonesien mitgebracht. Da werden die noch oder wieder gebaut. Ursprünglich wurden diese Dinger entwickelt, um damit in den Anfängen der Musikaufzeichnungen auf Platten, besser ins Mikrofon einspielen zu können. Der Klang wenn man das Instrument spielt, ist auch mit dem eines alten Grammophons zu vergleichen. Sehr näselig und nicht unbedingt schön.

Versengold bei Folkfriends - rumämische Strohgeigen

Navigator: In deinen kurzen Videos stellst du verschiedene Instrumente vor. Mir ist aufgefallen, dass du immer Bach spielst. Ist Bach dein Lieblingskomponist?

Alex: Einer von vielen. Ich versuche sehr gerne, Bach zu spielen, obwohl ich niemals behaupten würde, dass ich es kann. Es ist sehr viel Leidenschaft dabei, aber ich muss auch täglich üben, um das so machen zu können, wie ich es spiele. Ich vermute, ein richtig studierter Klassiker würde wahrscheinlich die Augen verdrehen, wie ich das interpretiere.

​​​Navigator: Du bist unglaublich begeistert von Naturwissenschaften. Was hat dich am Astrolabium in Prag so fasziniert?

Alex: Das stimmt. Witzig, dass Du das herausgefunden hast. Eine Astrolabium ist die mechanische Darstellung des sich drehendem Sternenhimmels. Ich bin von Astronomie und Mechanik begeistert, und die Prager Rathausuhr vereint dieses, und existiert dort seit Anfang des 15. Jahrhunderts. Es ist so beeindruckend, was die Menschen damals schon wussten und erschaffen konnten.

 

Navigator: Wie ich herausfand haben wir eine Gemeinsamkeit. Wir beide sind „Fans“ von Professor Harald Lesch. Ich könnte ihm stundenlang zuhören ohne mich je zu langweilen. Wie sieht es bei dir aus? Was fasziniert dich an Prof. Lesch?

Alex: Er schafft es halt, komplizierte Vorgänge aus Weltall und Natur so zu erklären, dass es ein normaler Mensch auch verstehen kann. Zudem ist er auch noch Philosoph. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich abends gerne mit ihm lange Spaziergänge machen und Ihn alles fragen was ich wissen will, um mit ihm dann darüber zu philosophieren.

Bild: Versengold

Navigator: Sowohl bei Auftritten als auch bei Interviews hältst du dich eher im Hintergrund. Das Lied der Niedersachsen besingt das Landesvolk als sturmfest und erdverwachsen. Trifft diese Beschreibung auf dich als Menschen zu?

Alex: Das kommt ein bisschen auf die Sichtweise an. Ich bin schon sehr heimatverbunden, würde nie von der Nordsee wegziehen. In Gesprächen mit mehreren Leuten verhalte ich mich eher zurückhaltend, weil ich nicht die Energie und Lust habe, mich in einen permanent stattfindenden Redefluss mit einzubringen. Ich rede, wenn ich gefragt werde, ansonsten halte ich gerne die Klappe.

Navigator: Nehmen wir an, dass es den Beruf des Musikers nicht gäbe. Welchen Beruf würdest du wählen, wenn du nochmal von vorne anfangen müsstest?

Alex: Da gäbe es viele unterschiedliche Sachen. Wobei für die meisten Berufe die mich interessieren, mein Grips und meine nicht allzu schnelle Auffassungsgabe wahrscheinlich nicht ausreichen würden. Die Vorstellungen reichen vom Fluggerätemechaniker (besonders für kolbengetriebene Flugzeuge), bis hin zum Piloten, oder auch die Entwicklung von Robotern. Vielleicht auch Uhrmacher. Oder Ökobauer. Also irgendwie alles ausgefallenes Zeug 😂.

Navigator: Du lässt dir seit einiger Zeit den Bart wachsen. Inzwischen hat er schon eine stattliche Länge erreicht. Hast du nicht Angst, dass er sich irgendwann in der Nyckelharpa verfangen könnte?

Alex: Das hat er schon, zumindest beim Geigespielen. Bei den letzten Konzerten habe ich dann den Bart zwischen meinen Zähnen gehalten, damit er nicht zwischen Bogen und Saiten fällt.

Navigator: Wenn du dir heute aussuchen könntest, was in einer hoffentlich fernen Zukunft einmal auf deinem Grabstein (oder in der Versengoldvariante auf deinem Gasthaus) stehen soll, was würdest du schreiben? (Außer dem Songtext ;)

Alex: Ich kann mir nicht vorstellen, dass mal irgendwas auf meinem Grabstein steht. Auch will ich selber kein Gasthaus auf meinem Grab. Wenn ich darüber nachdenken soll, dann ist die Vorstellung, in meinem Garten oder im Wattenmeer zu vermodern, wohl das Eheste, was ich will.

Navigator: Ich danke dir herzlich für deine Zeit!

Interview: Brina

Quelle: YouTube