Serocs im Interview

Das Jahr 2018 hat es nicht unbedingt leichter gemacht, sich in dem wüsten Dickicht hockarätiger Veröffentlichungen im Bereich TDM zurecht zu finden. Der Dezember allerdings brachte ein Leuchtfeuer hervor, das dem geneigten Hörer die Orientierung erleichtert. Das multinationale Ensemble um den Mexikaner Antonio Freyre entfesselt auf seiner dritten Scheibe "The Phobos/Deimos suite" einen wahrem Sturm, überbordender Kreativität, instrumenteller Raserei und perzeptiver Gegensäze, die in ein Soundgewand gekleidet wurden, das einem einen den Zugang in dieses großartige Stück praktisch vor die Füße legt.

Allesamt Gründe genug, um herauszufinden, was den Mastermind umtreibt und wie der Flux der Hirn/Hand-Koordination zu etwas derart Großartigem führen kann.

Navigator: Wie beschreibst du dem Zuhörer, der gemeinhin eher wenig mit dem Genre des TDM zu tun hat, den Sound von Serocs?

 

Antonio: Ich würde sagen, er solle sich ein Zusammenspiel aus hoher Geschwindigkeit, einer Menge Noten von tief gestimmten Gitarren, aggressiv verzerrten Tönen und wahnwitzigen blast beats vorstellen. So, jetzt da das steht, sollte er sich vorstellen, dass das alles aber mitreißend und nachvollziehbar ist und zwar so, dass man diese Mixtur ganz ohne Weiteres nachsummen kann.

 

Navigator: Und wie bereitest du ihn auf das Gefühl vor, von einem Schnellzug überfahren zu werden, während er sich euer letztes Album anhört?

 

Antonio: Ich würde sagen, dass es sich wie eine barocke oder gotische Kirche darstellt. Aus der Ferne betrachtet, ist die Form einer Kirche klar umrissen, wenn du allerdings näher kommst, siehst du  viele Details, die aber den Eindruck einer Kirche nicht weiter verdichten. Diese Assoziation auf die Musik übertragen sorgt dafür, dass man sich nicht auf jede einzelne Note konzentrieren, oder veruschen sollte, immer auf der Höhe der Songs zu sein, weil die einfach zu schnell sind. Man sollte stattdessen versuchen, sich auf Segmente von 4, 8 Noten oder ein ganzes Riff zu konzentrieren. Der Hörer sollte die Songs als Ganzes in sich aufzunehmen wodurch die Geschwindigkeit und die Intensität keine Überforderung mehr darstellt. Der Song nimmt Gestalt an und wird in sich stimmig. Wie eine Reise, die man antritt.

 

Navigator: Chuck Schuldiner sagte im Nachgang von "The Sound of perseverance" dass er eher ein generell inspirierendes Album denn ein solches schreiben wollte, bei dem die  Anforderungen an eine reine Metal-Scheibe im Vordergrund stehen. Wie gestaltest du die Gewichtung zwischen den Wünschen des gemeinen Metallers nach Standards wie Brutalität, Geschwindigkeit, Präzision  etc. und denen des songwriters in seinem Bedürfnis danach, seine Musikalität zu vermitteln. Und das in dem Spannungfeld  der üblichen Metal Klichees wie zum Gruß erhobener Teufelspfoten, Chaos, Schweiß und völligem Durchdrehen?

 

Antonio: Meinem Empfinden nach sollte man sich klar in Richtung persönlicher Musikalität entwickeln. All diese Genre Standards erwuchsen aus dem Wunsch danach, sich von allen, die diese nicht teilten, abzugrenzen.

Nun, FALLS man diese teilt, schön un gut. Aber traut euch auch, zu experimentieren.

 

Navigator: Symphony X und Gorguts nennst du als wichtige persönliche musikalische Einflüsse, was bemerkenswert ist, weil Micheal Romeo und Luc Lemay erwiesenermaßen wahre Könner ihres Fachs sind. Was sich über die Jahre mannigfaltig an dem kongenialen Zusammenwirken ihrer Handwerkskunst und ihrem kompositorischen Weitblick zeigt. Welchen Stellenwert haben für dich musikalische Vielseitig- und schichtigkeit und die Integration von Elementen, die sich jenseits des TDM befinden?

 

Antonio: Ich halte Vielseitigkeit für ein Schlüsselelement für gute Kunst. Die Inspiriration aber nicht aus unterschiedlichen Genres sondern auch unterschiedlichen Medien herrühren. Du kannst einen Song wie einen Film komponieren,  Inspiration aus einem Buch miteinfließen lassen oder Elemente des Power/Prog Metal hinzufügen. Je mehr Raum du der Kunst gewährst, umso mehr erweitert sich dein Horizont, was dich wiederum befähigt, etwas Neues, Unverbrauchtes zu erschaffen. Ich für meinen Teil höre auch nur wenig TDM. Die Mischung meiner persönlichen Einflüsse und Vorlieben resultiert wohl in TDM, wobei es nicht mein ursprüngliches Bedürfnis war/ist, etwas in diesem Bereich zu erschaffen.

 

Navigator: Welche Gründe, neben seinen Fähigkeiten als Musiker, gab es für dich, Kevin Paradis zu Serocs ins Boot zu holen?

 

Antonio: Unser ehemaliger Drummer Timo Häkkinen bereitete sich gerade für seine Auditions bei Aeon vor und es stellte sich gheraus, dass die Songs des neuen Albums auch einen anderen Stil an den Drums erfordern würden. Deswegen schlug Phil vor, Kevin zu kontaktieren, der eine hervorragende Arbeit geleistet hat und sich auch durch absolute Professionalität auszeichnete.

 

Navigator: Das Albumcover vermittelt in gewisser Weise eine Art gesetzter Morbidität, gar Eleganz. Aber just in dem Moment, in dem man die Scheibe hört, werden die Ohren des genigten Hörers mit einem mechanisierten Massaker gegeißelt. War es eure Absicht, einen solch krassen Gegensatz zu erschaffen?

 

Antonio: Aus genau diesem Grund schätze ich das Albumcover so sehr. Es bedient sich an etwas klassich-elegantem wie diesem barocken Portrait, zerstört aber diesen Eindruck beinahe handstreichartig.

Es spiegelt unseren TDM. Auf dem Album findet man Mengen an klassichen und barocken Elementen, die wir genutzt haben um den aggressiven Charakter der Songs zu schmieden.

 

Navigator: Was ist für dich der Hauptantrieb dafür, diese Art der extremer Musik zu erschaffen?

 

Antonio: Mein Antrieb hinter alle dem ist der, dass ich all diese Riffs aus meinem Kopf herausbekommen möchte. Es gibt bei mir auch Zeiten der relativen Ruhe, aber wenn der Funke erst geszündet hat, gibts erstmal non-stop Riffs und Songideen. Das stellt für mich mehr als alles andere eine Art persönlicher Therapie dar, die mich, nachdem ich all das rausgelassen habe, wieder Ruhe empfinden lässt.

Es gefällt mir, dass ich damit mehr und mehr Menschen erreichen kann, strebte ich aber an, ein Mega-Seller sein zu wollen, wäre das wohl kaum das geeignete Genre.

 

Navigator: Gibt es Deiner Ansicht nach eine Verantwortung für Musiker, mit ihrem Schaffen etwas Greifbares, Substantielles zu vermitteln? Eine Botschaft sozusagen?

 

Antonio: Ich würde nicht sagen, das Musiker für irgendetwas verantwortlich sind. Schlussendlich ist es völlig vertretbar, wenn Menschen zweckgebunden Musik machen. Sei es aus wirtschaftlichen, kreativen, sozialen, egoistischen Gründen oder eben des reinen kreativen Auslebens Willen. Die Wahl liegt am Ende ohnehin beim Konsumenten selber. Es gibt jede Menge Raum für viele Ansätze im Internet.

 

 

Navigator:  Im Licht verschiedener organisatorischer Unpässlichkeiten, die sich daraus ergeben, dass die Mitglieder von Serocs auf dem ganzen Globis vertreut ansässig sind, wie hoch, denkst du, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Serocs in der näheren Zukinft auch mal auf europäischen Bühnen zu sehen bekommen werden?

Antonio: So unwahrscheinlich ist das gar nicht. Für "and when the sky opened" haben zwar nur Shows in Mexiko gespielt, aber da "The Phobos/Deimos suite" sich zunehmender Popularität erfreut, arbeiten wir an Möglichkeiten, auch in anderen Ländern Gigs zu bekommen.

 

Navigator: Gibt es irgendetwas, das die Fans niemals auf einer Serocs Scheibe zu hören bekommen werden?

 

Antonio: Djent! Ich kann das nicht ausstehen. Die basteln sich ein ganzes Genre aus einem einzigen Riff. Alles andere ist völlig vertretbar, obwohl wir uns nicht stark von unserem augenblicklichen Kurs entfernen werden.

Wir haben allerdings schon ein paar interessante Ideen für das nexte Album, wann auch immer das auch kommen wird.

 

Navigator: Ein Aspekt, der TPDS merklich von anderen zeitgenössischen Releases unterscheidet, ist die Produktion. Auf der einen Seite gibt diesen Castle ultimate (Studio/Zack Ohren) Ansatz, der präzise Transparenz und instrumentale Ausgeglichenheit mit sich bringt, was zu guter Nachvollziehbarkeit der Songs führt. Auf der anderen Seite steht der eher moderne Ansatz, der auf schiere Härte, Brutalität und eine überwältigende tonale Gewalt abzielt, dabei aber völlig außer Acht lässt, dass diese Ergebnisse mitnicht live reproduzierbar sind. Warum habt ihr, dem gegenüberstehend, ein so leidenschaftliches Plädoyer für Authentizität erschaffen, gerade wo doch diese "larger than life" Produktion als ein respektables Kaufargument für die Hörer der jüngeren Generation dient?

Musik, die für sich selbst steht versus Musik, die durch die Art der Darbietung etwas darstellt, was sie nicht wirklich ist. Für euch sticht das Sein den Schein aus?

Antonio: Ein Grundgedanke, den ich für Serocs hatte, war, dass vor dem Hintergrund des Entstehungsprozess über das Netz, wir so real und authentisch wie möglich klingen sollten. Es sollten wahre Proberaum vibes rüberkommen. Das war mein Ansatz für die verschiedenen Produzenten, mit denen wir über die Jahre gearbeitet hatten und somit hatte das auch einen starken Einfluss auf die beiden Vorgängeralben.

Man kann sogar ein paar kleine Ungenauigkeiten oder Saitenkratzer von mir hören. Seis drum, es sollte roh klingen. Den sterilen Sound, der den meisten TDM Bands gemeinsam ist, mochte ich nie. Sie klingen alle gleich....

Glücklicherweise konnten wir TPDS mit Hugues Deslauriers aufnehmen, der ein wahrer Meister seines Fachs ist und es geschafft hat, die perfekte Mischung aus Rohheit, Livecharakter, Präzision und Kraft herzustellen. Trotz einer gewissen Moderne, klingt das Album nicht zu sehr zurecht geschnitten, quantifiziert oder komprimiert Es ist auf der Höhe zeitgenössischer Produktionen, jedoch erweitert durch die Rohheit, die allem zugrunde liegt. Phil´s und meine Gitarrenlinien sind klar trennbar, der Bass klingt mal nicht wie ein Furz und selbst die ghost notes auf der Snare kommen zur Geltung. Hugues Expertise hat einen großen Anteil an dem Erfolg des Albums.

Ich lehne den Einsatz des triggers sicher nicht komplett ab und brauche für meine Aufnahmen auch mehrer takes, klar, aber viel Bands treiben es leider auf die Spitze was die Sterilität angeht. Es wird etwas vorgetäuscht, was es in dieser Form einfach nicht gibt und das wiederum spricht mich nicht an.

 

12. Das im Hinterkopf, was ist denn dein momentaner Fave im Bereich TDM?

Antonio: Es sind zwar nicht die neuesten Scheiben, aber Dasein von First Fragment und Intransigence von Abhorrent (sic, dringende Empfehlung) gingen mir gut rein.  Tomb Mold fand ich auch recht gut, wobei das jetzt nicht ganz ins Genre passt.

Navigator: Wenn du dich jetzt für eine Grabsteininschrift entscheiden müsstest, wie würde diese lauten? Und wohin gehend würde sie sich über die Jahre verändern, wenn du die Chance hättest, in ferner Zukunft eine andere zu wählen?

Antonio: Das ist eine ziemlich brutale Frage, um ehrlich zu sein, würde ich Worte aus Texten von Laurent wählen, die er für das Album geschrieben hat. Die Themen jedes einzeln Songs sind sehr persönlich für mich und während der Aufnahmen ereilten mich auf halbem Wege einige heftige persönliche Problme, welche mir die Zeit raubten, die ich auf die Lyrics verwenden wollte. Deswegen hat Laurent das für mich übernommen und er hat in Gänze das verstanden, was ich ausdrücken wollte. Ich würde sagen, dass die letzte Strophe von "Being" mir im Hinblick auf sehr viele Dinge am besten gefällt, deswegen sollten diese Zeilen meinen Grabstein zieren.

Navigator: Vielen Dank für Deine Zeit

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