Klein Zaches genannt Zinnober

Ein Bericht über die erste Steampunkoper der Welt

Credits: Pedro Malinkowski

Am 8.9. hatten wir die Gelegenheit, die erste Steampunk Oper der Welt namens "Klein Zaches, genannt Zinnober" im MiR Gelsenkirchen zu besuchen.

Was es dort zu sehen und zu hören gab, versuchen wir jetzt für euch in Worte zu fassen.

DISCLAIMER: Wer selbst noch in die Oper gehen möchte und nicht gerne gespoilert wird, der möge bitte jetzt diesen Artikel verlassen und erst nach dem Besuch der Oper wiederkehren. Denn hier wird alles aufgedeckt, wirklich alles!

"Klein Zaches, genannt Zinnober", so heißt auch das Werk von E.T.A. Hoffmann, welches der Oper als Vorbild dient. Ein satirisches Kunstmärchen über den missgestalteten Bauernjungen Zaches, der von einer Fee ein Haupt voll Haar geschenkt bekommt und von nun an bewundert von allen durch die Welt geht. Die oberflächliche und leicht impressionierbare Gesellschaft rühmt ihn für seine (erlogenen) Taten und Eigenschaften und es fällt allzu leicht Klein Zaches sein "Glück" zu gönnen.

Nur der Dichter Balthasar, dessen Herz für die schöne Candida schlägt, scheint hinter die Fassade des nun als Zinnober bekannten Zaches zu sehen. Und er setzt alles daran, die Liebe von Candida zu gewinnen und Klein Zaches das Handwerk zu legen.

 

Coppelius, die wir bereits auf dem Feuertal 2018 interviewen durften, und Sebastian Schwab haben ein fantastisches Werk geschaffen. Oftmals umschrieben als "Rock trifft Oper" bekommt das Auditorium ein Potpourri an großartiger Musik geboten. Vom klassischen und jazzigen Orchester (die Neue Philharmonie Westfalen) über Operngesänge bis hin zum schrägen, bekannten und geliebten Kammercore von Coppelius, es macht einfach Freude, zuzuhören.

Wer direkt mal reinhören möchte, führe sich "Kein Land so schön" zu Gemüte:

Da wir nicht mit geschlossenen Augen im Theater sitzen wollen, wurde auch visuell so Einiges auf die Beine gestellt!

Während das Auditorium zunächst auf das Orchester schaut, wird spätestens beim Anschalten der "Maschine" klar, dass es sich hier um ein bis ins kleinste Detail geplante und meisterhaft zusammengestellte Bühnenbild handelt. Es wird auf mehreren Ebenen gespielt, welche passend zur Szene aufsteigen oder herabgesenkt werden. Alles verpackt in Dampf, Rohre, Zahnräder und Metall, um dem Blick in die Maschine noch mehr Ausdruck zu verleihen. Und dann ist da noch E.T.A. Hoffmann, der die Maschine kontrolliert, uns durch die Geschichte führt und das Geschehen in einen erzählerischen Rahmen packt.

Einige Momente, die im Kopf bleiben:

  • Der Liedtext, gesungen von der Fee Rosabelverde (Ulrike Schwab) für Klein Zaches (Rüdiger Frank), erscheint auch als Projektion auf den Rohren, die quer über der Bühne hängen. Eine intelligente visuelle Untermalung der Szene, die schnell übersehen werden kann, wenn man so gebannt vom Geschehen ist, dass man vergisst auch mal links, rechts, oben und unten zu schauen.

  • Als nach der Identität des Wurzelzwerges gesucht wird, sorgen die Referenzen zur Pop-Kultur für schallendes Gelächter. Da tauchen plötzlich Pumuckl, Cindy aus Marzahn und IT als potentielle Kandidaten auf.

  • Drehtüren, Falltüren im Boden, Rollschuhe, eine Fliegende Libelle für Prosper Alpanus, ein Fliegender Stuhl für Rosabelverde, riesige sich drehende Zahnräder, eine Wendeltreppe, ein gekonnt gefahrenes Hochrad, hier wurden die Möglichkeiten der Fort- und Bewegungsmittel vollends ausgeschöpft. Mein persönlicher Favorit: das schrecklich quietschende Pedalo!

Credits: Pedro Malinkowski

Ein Bravo auch an Kostüm und Maske.

Rasante Kostümwechsel und detaillierte Uniformen, es ist ein wahrer Augenschmaus. Sehr schön anzusehen ist der Wechsel von der Fee im viktorianischen Korsett-Look zur zuckersüßen Lolita-Candida bis zum Army-Leather-Outfit. Ulrike Schwab begeistert nicht nur durch ihre ausdrucksstarke Stimme, sondern auch durch ihre Wandlungsfähigkeit.

Credits: Pedro Malinkowski

Und was wäre eine Oper ohne ihre Darsteller?!

Rüdiger Frank in den Rollen von E.T.A. Hoffmann und Klein Zaches haucht dem Werk nicht nur wortwörtlich Leben ein. Man entwickelt eine Zerrissenheit zwischen der Ungerechtigkeit des Lebens und der Unverschämtheit des Klein Zaches. Die Vielseitigkeit und die ungeschönte Ehrlichkeit mit der er seine Charaktere zeigt, lässt bei mir nichts als Hochachtung zurück!

Ulrike Schwab verzaubert als Fee Rosabelverde und lässt die Herzen des Auditoriums als Candida höher schlagen. Auch wenn ich persönlich kein Freund hoher Stimmen bin, ihre Sopranstimme füllt den Raum mit einer fesselnden Klarheit.

Credits: Pedro Malinkowski

oppelius, das ist nicht nur eine Steampunk-Band, sondern auch eine Gruppe von sechs talentierten Männern, die als Individuen begeistern.

Dass Bastille singen kann, davon durften wir uns in den 200 Jahren Bandgeschichte ja bereits überzeugen. Aber die Oper setzt noch mal einen drauf und lässt den Diener als Balthasar sein Potential voll ausschöpfen!

Comte Caspar kann als Fabian sowohl durch sein Haupthaar überzeugen als auch durch seine Leidenschaft für den Charakter.

Während Graf Lindorf als Liese für Heiterkeit sorgt, bilden sein Prosper Alpanus und der Gehilfe, gespielt durch Nobusama, ein energiegeladenen und harmonischen Duo.

Max Copella begeistert das Auditorium als Violinvirtuose Sbiocca und als Pfarrer mit seinen Maracas-schwingenden Ministranten.

Und Mosch Terpin wird von dem großartigen Sissy Voss verkörpert.

Credits: Pedro Malinkowski

Bei all der Begeisterung dürfen wir aber nicht vergessen, dass uns die Oper auch einen Spiegel vorhält. Die gesellschaftliche Kritik in diesem Werk ist heute noch aktuell, und als Zuschauer wird einem dies immer wieder bewusst. Denn auch wenn Balthasar und Candida am Ende als die "Guten" aus der Geschichte herausgehen, bleibt bei mir ein Geschmäckle zurück, ein Kitzeln im Hinterkopf, das mich nicht loslässt und mich zum Reflektieren des Geschehens und meiner eigenen moralischen Einstellung zwingt.

Aber auch diejenigen unter euch, die einfach nur einen Abend voll Satire und Märchentheater erleben wollen, kommen hier voll auf ihre Kosten.

Credits: Pedro Malinkowski

m Dezember habt ihr noch zwei Mal die Gelegenheit, euch "Klein Zaches, genannt Zinnober" anzusehen.

Und wir können nur empfehlen: tut es, es lohnt sich!

ZUSATZ: Mit großem Bedauern mussten die Fanatiker kürzlich erfahren, dass sie alsbald Abschied von Nobusama als Teil der Band Coppelius nehmen müssen! Wer die Gelegenheit nutzen möchte, Nobusama noch einmal in Aktion zu erleben, möge sich doch bei einer der letzten Opernaufführungen ins Auditorium setzen. Für weitere Informationen kann auch die Geheime Coppelianische Straßenbau-Gesellschaft kontaktiert werden!

Vielen Dank an das MiR und an Coppelius für die Chance, dieses Meisterwerk sehen zu dürften.

 

Coppelius hilft!

Bericht von Alex