Aurelio Voltaire -What are the Oddz?


Endlich gibt es neue Klänge aus der Batcave. Wer jetzt an Batman denkt, liegt falsch, ich spreche selbstverständlich vom Großmeister des Goth Rock und Dark Cabaret, Aurelio Voltaire!


Sein neues Album heißt „What are the Oddz?“ und kommt ungewohnt elektronisch daher. Die Gründe dafür liegen in der Vorgeschichte des Albums, denn so neu ist es eigentlich gar nicht. Wem Voltaire kein Unbekannter ist, der ist vielleicht auch mit seiner Band "The Oddz" vertraut. Anfang 2006 veröffentlichten The Oddz eine Maxi-Single namens "Sellout!", welche ganz dem New Wave Genre der 80er verschrieben war. Ein geplantes Album schaffte es aber nie zur Veröffentlichung... bis heute.


"[...] this album was written in 2005. I only just decided to finish and release it." -Voltaire

("[...] dieses Album wurde 2005 geschrieben. Ich habe mich gerade erst entschlossen, es fertigzustellen und zu veröffentlichen.")


Auf 11 Songs (plus einem Radio Edit) öffnet Voltaire die Pforten in unsere ganz persönliche Vergangenheit. "Come Sweet Death" wurde 2006 schon auf der Platte "Where's Neil When You Need Him?", einer Homage an den großartigen Sci-Fi und Fantasy Autor Neil Gaiman, veröffentlicht. Wer genau hinhört, kann die Namen der Endless aus den Lyrics raushören!


Es geht weiter mit Herzschmerz und Beziehungssünden, der Falschheit der Online-Präsenzen auf Myspace und „Sellout“ geizt nicht mit seiner Kritik an der Gleichförmigkeit der Mainstream-Musik auf MTV (na, wer kennt's noch!?) und im Radio. Aller Ironie zum Trotz oder vielleicht auch gerade deswegen ist „Sellout“ auch als Radio Edit auf dem Album zu finden.


„One Semester Lesbian“ beschäftigt sich mit dem Phänomen des „Herumprobierens“ und der Flüchtigkeit der homosexuellen Phasen vieler junger Studentinnen, die nach ihren wilden Jahren wieder in ein heteronormatives Weltbild zurückkehren. Der Vergleich wird gezogen zwischen den geistlosen Ergüssen der doch sehr kurzlebigen Popmusik (wir sprechen hier von 2005, obwohl diese Einschätzung auch heute noch nicht an Relevanz verloren hat) und der sexuellen Experimente, die am Ende nichts als Leere zurückzulassen scheinen.

”I knew the girl who got her heart broken, not the girl who broke it. I felt it deserved a song.“ -V

(“Ich kannte das Mädchen, deren Herz gebrochen wurde, nicht das Mädchen, welche es gebrochen hat. Ich fühlte, dass dies einen Song verdient hat.“)


Mit „So, You’re Offended“ spricht Voltaire mal wieder Klartext: es gab schon immer und wird auch immer Leute geben, die dein Leben ruinieren wollen, wenn du nicht ihrer Meinung bist. So what?! Anstatt sich online hinter Nicknamen zu verstecken und sich über jede Kleinigkeit und die Welt aufzuregen, sollte man doch lieber in diese Welt hinausgehen und sich an ihr erfreuen.

Mein persönliches Highlight auf dem neuen alten Album ist „When The Lambs Became The Wolves“. Optimistische Klänge verbinden sich mit Untertönen, die im starken Widerspruch zueinander stehen. Düster, grausam und etwas unheimlich, so ist auch das Bild, welches die Lyrics aufbauen: Das Risiko im Kampf gegen unsere Monster ist, dass wir uns selbst in jene verwandeln. Und das Blut, das wir am Ende vergießen, ist das unserer Mitmenschen.


Voltaire hat das einzigartige Talent, Elektro mit Goth Rock zu diesem Meisterwerk zu verbinden. Er hat keine Angst, sich in anderen Genres auszuprobieren, und verliert dabei nicht an künstlerischer Integrität. Grusel, Unheil, eine gehörige Portion Gesellschaftskritik und eine schwierige Vergangenheit verpackt er in peppige Songs, die echten Ohrwurmcharakter haben. Viele der Texte wurden schon 2005 geschrieben und so lassen sie sich auch verstehen, zu Zeiten von Myspace war die Welt eben noch eine andere und der Voltaire, den wir heute kennen, musste sich erst entwickeln. Er aber geht offen mit seinen Fehlern und Erfahrungen um, sieht seiner Vergangenheit ins Gesicht und lässt uns an diesem Lernprozess teilhaben. Das Album deckt, wie schon so einige vorangegangene, eine sehr persönliche Seite auf, wie Voltaire auch selbst immer wieder bestätigt. Und das kommt gut an!


Wenn ihr mit New Wave und Synthmusik nicht viel anfangen könnt, ist dieses Album nichts für euch. Hört euch stattdessen lieber durch die großartigen gothic-lastigeren Alben der vergangenen Jahre und lasst uns Nostalgiker in den in schwarzen Samt gekleideten Neonklängen ertrinken und in Erinnerungen schwelgen. Vielleicht krame ich auf meine 'alten' Tage auch noch mal Kajal, Clip-in Extensions und das eine oder andere Nietenarmband hervor...


Bewertung: 4/5


Rezension von Alex

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