Coppelius – Kammerarchiv

“Oh Trost, oh Trost, es geht wieder los!” So leiten die Herren Coppelius ihr neues Album “Kammerarchiv” ein, welches definitiv nicht vor dem 6.9.2019 den Weg in die Regale und Herzen der geneigten Hörerschaft findet. Das neueste Werk aus dem Herrensitz verschafft nicht nur Einblicke in das Kammerarchiv mit Neuaufnahmen alter und Erstaufnahmen neuer klanglicher Experimente, auch die musikalischen Ergüsse anderer Künstler werden aufpoliert und mit Gehrock und Zylinder im neuen Gewand präsentiert.

Jedes Lied hat dabei etwas Eigenes, Individuelles, was es von den anderen unterscheidet und dafür sorgt, dass man noch Stunden nach dem erstmaligen Hören einige Passagen vor sich hin singt. Die Klänge, die Coppelius aus ihren Instrumenten rausholen, sind dabei noch einzigartiger als jemals zuvor. Gelegentlich vermag ein besonders aufmerksamer Hörer nicht nur den Alltagsklang der Band heraushören, sondern auch den einen oder anderen Ton von neuen und immer kurioser anmutenden Instrumenten wie der Expanderella. Auch wenn der vorgeschlagene Modetanz nicht jeden überzeugen konnte, der Tonexplosion aus dem “Kammerarchiv” ist die allgemeine Begeisterung sicher.

Lieder von vergangenen Platten wie “I get used to it” und “To my creator” haben eine Renaissance erfahren, die neuen Klänge überfallen die Ohren der Hörer, lassen das innere Auge von Bildern vergangener Auftritte überfluten und werden nun endlich dem gerecht, was Coppelius an musikalischer Finesse an den Tisch bringt. Mehr wumms, mehr Geschrammel, mehr Sound. Da wippen die Füße, da fliegt das Haar! Und auch neu eingespielte Lieder ertönen mit altbekanntem coppelianischen Charme. Jazzig-flotte Hymnen und Fanfaren für die Feierwütigen. Eingängige Klarinettenpassagen, die einen schon die Bühnenschau herbeisehnen lassen. Gänsehaut, Weltschmerz und sanfte Klänge im “Welthentrubel”. Die Wortkünstler zeigen sich gewohnt düster romantisch und vom Wahnsinn der Welt besessen. Mit diversen Coverversionen wie von Iron Maidens “Ides of March” und “Wrathchild” oder ihrer meisterhaften Interpretation von “Radio Video” (System of a Down) beweist die Kapelle mal wieder, dass ihre instrumentalen und gesanglichen Leistungen mit den Vorlagen mithalten können und diese sogar teilweise überholen. Eine faszinierende Auswahl an Instrumenten und Klängen sorgen vor allem auch bei Tom Waits' “Way down the hole” für einen großartigen Sound.

Erinnerungen an die Steampunk-Oper “Klein Zaches genannt Zinnober” werden geweckt durch Schmankerl wie “Kein Land so schön”. Ein besonderes Geschenk sind die Aufnahmen mit der Stimme des inzwischen verstorbenen Rüdiger Frank.

Zum Abschluss bleibt nur festzuhalten: Ein Blick in das Kammerarchiv lohnt sich! Vielseitig, aufregend und furios, so präsentieren sich die Herren wieder der Welt. Die Vorfreude auf die kommende Konzertreise und die neue Oper “Krabat” steigt nun ins Unermessliche und vor allem auf den Herrn Linus von Doppelschlag ist man gespannt.


Bewertung 4,5/5


Rezension von Alex

34 views