Mr. Hurley und die Pulveraffen - Leviathan


Bereits das letzte Album hat mir sehr gut gefallen, allerdings schaffen es die vier Piraten-Rocker aus dem karibischen Osnabrück, dies mit dem neuen Album „Leviathan“ noch einmal zu toppen und nun endgültig mein Herz zu gewinnen.


Ich vertrete standhaft die Ansicht, dass gute humoristische Unterhaltung nur gelingt, wenn sie professionell gestaltet und vorgetragen wird. Ob es nun die Grailknights, Feuerschwanz oder halt Mr. Hurley und die Pulveraffen sind. Alle Bands haben verdient großen Erfolg, denn sie beherrschen nicht nur ihre Instrumente in Perfektion, sondern haben auch das richtige Gespür für die Mischung aus einfachen und anspruchsvollen Elementen. Natürlich gibt es immer ein paar sehr ernste Menschen, die diese fröhliche Musik mit den Worten ablehnen: „Solch einen Klamauk ist nur etwas für schlichte Gemüter und kann von mir daher nicht ernst genommen werden.“ An dieser Stelle verdrehe ich meine Augen meistens so weit nach hinten, dass nur mein Hirn sie daran hindert aus ihren Höhlen zu kullern! Satire und Kabarett sind eine uralte Kunstform, mit der man Kritik an sozialen Verhältnissen üben und auf Missstände aufmerksam machen kann. Die Gesellschaftskritik so zu verpacken, dass einem jeden sein Lachen im Halse stecken bleibt oder man auch erst bei mehrfachen Hinhören die Kritik raus hört, erfordert viel Kreativität, ein großes Allgemeinwissen und eine gehörige Portion Talent. Wem das jetzt immer noch alles zu fröhlich und zu unreflektiert ist, dem kann ich nur entgegenhalten: In unseren heutigen Zeiten so fröhliche Lieder zu produzieren ist die düsterste und zynischste Art der Kunst überhaupt. Puhh, das musste mal raus.


Zurück zum Album. Natürlich erfahren wir, wie es mit der Irrfahrt von Kapitän Blake weitergeht. Wir erinnern uns: Auf dem zweiten Album „Voodoo“ versucht Kapitän Blake, den Fluch des Songs „Blau wie das Meer“, den ihn seine musizierenden Kanoniere, die Pulveraffen, ins Ohr gesetzt haben, mittels einer Voodoozauberin wieder los zu werden. Dies hat jedoch allerlei ungewollte Nebenwirkungen. Auf dem Album „Tortuga“ erfahren wir, dass der edle Kapitän Blake, der sogar die Frage kennt, auf die die Antwort 42 lautet, eine Gedächtnislücke hat und neben seinen Erinnerungen auch seine Kanoniere und sein Steuerrad vermisst. Während er also den Spuren der Pulveraffen an Land folgt, muss als Verantwortlicher für sie alle Rechnungen ihrer Missetaten begleichen. Zuletzt bekommt er dann mit, dass die Pulveraffen wieder an Deck sind und ohne ihren Kapitän losgesegelt sind. Hier steigen wir im neuen Album wieder ein. Der tapfere Kapitän Blake verfolgt also sein Schiff, die Lightning, ins gefürchtete Teufelsachteck. Obwohl in sein Papagei Thorsten ihn noch warnen wollte, werden beide von einem riesigen Wal verschluckt und suchen nun einen Weg hinaus. Auf Ihrem Weg treffen sie auf Personen, die ihnen helfen wollen, die Pulveraffen zu finden, denn diese befinden sich samt der Lightning auch im Bauch des Wals. Neben Wortspielen wie „Walfahrt, Walheimat und Kommunalwal“, gibt es ein sehr interessantes „Ich sehe was, was du nicht siehst“ Spiel, diverse politische Anspielungen und viele Hommagen an bekannte Kultfilme. Unter anderem: „Das Leben des Brian“, „American Pie“ und „die Ritter der Kokusnuss“. Der Wal ist unter anderem voll von Plastikmüll und auch wird mit der „Selbstzerfleischung“ der linken Gruppen abgerechnet. Ob Blake seine Lightning und die Pulveraffen findet und was sie noch alles erleben, will ich hier nicht weiter vorwegnehmen.


Kommen wir nun zu den Songs. Viele Songs sind eine Mischung aus Samba, Tango und Rumbarythmen. Die karibischen Klänge werden recht oft mit Trinkliedern gepaart, wie es sich für ordentliche Piraten gehört. Der Song „Leviathan“ dagegen beschäftigt sich mit den Gefahren des Meeres. Das biblische Ungeheuer, der Leviathan, ist hier allerdings ein riesiger Kraken, der Jagd auf unredliche Seefahrer macht. Der Kraken ziert auch das Cover des Albums. In diesem Song haben die Pulveraffen mein neues Lieblingsverb erschaffen. „Und hast du nur mal schwups nicht aufgepasst, dann wirst du rucki-zuck schon sauggenapft“, hat mich zum ersten Mal veranlasst lauthals los zu lachen. (Ich war jedoch gerade in einem Regionalzug). Ich wünsche mir von Herzen ein T-Shirt zu diesem Album mit Saugnapfabdrücken und dem Satz: “Ich wurde sauggenapft!“ oder nur „Sauggenapft!“.


Nach einem weiteren Trinklied gibt es eine Geistergeschichte von verfluchten Zombiepiraten und danach mein zweites Highlight auf dem Album. Der Song „Auf zu neuen Ufern“ erinnert mich vom Aufbau her sehr an „Zu Spät“ von den Ärzten und genau wie das Lied der Ärzte, liebe ich diesen Song auch. Dass man dem neuen Partner der alten Liebe nicht unbedingt das Beste wünscht kann, eigentlich jeder Mensch nachvollziehen, aber die herrliche Aufzählungen an nicht behandelbaren Krankheiten und die freudvolle Aufzählung dieser hat mich herzhaft lachen lassen. Der Song „Der erste Schluck“ klingt zunächst nach einem Trinklied, ist aber auch ein Aufruf darüber nachzudenken, was wir alles ins Meer kippen und was dies wiederum für Auswirkungen auf die Meeresbewohner haben könnte. Das Lied „Scherenschnitte“ ist dagegen ein sehr ernstes Lied, welches sich mit dem Phänomen des ehemaligen Hungeraufstandes in der Karibik beschäftigt. Jedoch kann man auch hier wieder starke Parallelen zu heutigen Gesellschaftsentwicklungen ziehen. Der nachfolgende Song „Santa Sangria“ zeigt, dass es nicht nur Denglisch gibt, sondern auch Deutspaniol. Dieser Song erinnert mich irgendwie an betrunkene deutsche Urlauber, die sich in südlichen Ländern mit Hochprozentigem volllaufen lassen und meinen, wenn sie ein paar Wörter der Landessprache lernen, wären sie Experten für die Kultur des Urlaubslandes. Das Lied „Captain Blake“ erklärt die Herkunft und die gesamte Person von Kapitän Blake sowie die Geschichte der Lightning. Es klingt für mich wie „Chuck Norris“ Witze, umgeschrieben zu einem Piraten-Legenden-Song.


Wir erfahren nun auch noch, dass nicht jeder Pirat in jedem Hafen eine Frau hat und mit dieses Vorurteil arg zu kämpfen hat. Der Song „Der Kodex“ ist für Buckteeths Neugeborenen geschrieben worden, wie uns die Band auf dem Feuertal Festival verriet. Ein etwas ernsterer Song mit den Grundwerten, die jeder einhalten sollte. Ich kann diese Grundwerte absolut unterschreiben und werde sie auch meiner Tochter so weitergeben. Zum Schluss erzählen sie noch die Geschichte eines jungen Mannes, der zur See fahren will und dessen Träume nun auf die Realität treffen. Ich fühle mich auch nach mehrmaligem Hören trefflich unterhalten von diesem Album und dafür, dass sie mir die Zeit so herrlich lustig versüßt haben, während mein Anschlusszug ausfiel und ich auf dem Weg nach Bielefeld eine Stunde in Bad Oeynhausen fest hing, haben sie auf jeden Fall 5von 5 Sternen verdient!

Rezension von Brina

Bewertung 5/5

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