Rammstein - Rammstein (unbetiteltes Album)


Rammstein und ihr neues Album, dazu gibt es eigentlich jede Menge zu sagen. Aber nach Monaten zwischen hochtrabenden Lobeshymnen und niederschmetternden Kritiken, nach versprochenen Provokationen und erhaltenem Kaffeeklatsch-Geplänkel, nach 10 Jahren Warten und 11 Liedern bin ich des Spuks nur noch müde. Hier also mein Eindruck der Platte, welche, soviel kann ich jetzt schon einmal vorwegnehmen, direkt in den Marianengraben meiner Musikbibliothek versenkt werden wird, sowie meine Finger die Tastatur verlassen. Das Album präsentiert sich schlicht, ein einfaches unangezündetes Streichholz auf dem Cover, und damit ist auch schon das gesagt, was die Musik darin ausmacht: einfach, die Prämisse ist brisant, dahinter brennt aber kein Feuer.

Mit “Radio” und “Deutschland” ist der Einstieg an sich kein schlechter. Zwischen den Erinnerungen an die eigene DDR-Jugend und der Auseinandersetzung mit der Zerrissenheit der Deutschen gegenüber ihrem eigenen Land und der Vergangenheit zeigt sich Rammstein politisch, kritisch und schafft es sowohl in Audio- als auch in Videoformat zu überzeugen und zu provozieren. Damit scheint aber die Luft raus zu sein, denn was folgt, ist Belanglosigkeit.

Mit “Zeig dich” wird Kirchenkritik geübt. Und wahrscheinlich ist dies noch das Lied, was am ehesten an die klassischen Rammstein-Lieder erinnert. Erwartet hätte ich diesen Effekt auch von “Hallomann”, aber der Gruselfaktor a la “Jeanny” (Falco) will sich einfach nicht einstellen. Die Lieder verschwimmen zu einem Einheitsbrei, zwischen “Hallomann” und “Puppe” kann ich in meiner Erinnerung schon gar keine Unterschiede mehr festmachen, Monotonie macht sich breit. Zwischen Haus-Maus Reimen und Poesie-Ergüssen mit der Eloquenz eines hormongesteuerten Heranwachsenden bleibt nicht viel Raum für intellektuelle Auseinandersetzung. Der Text zu “Sex” ist so plump wie der Titel und so versaut wie jungfräuliche Neuvermählte in einer chemise cagoule beim Fummeln. Und wo “Diamant” eine Ballade hätte werden können, die noch nach Wochen unter der Schädeldecke kitzelt, habe ich schon nach einem Tag jegliche Erinnerung daran verloren. Nur ein Gefühl der musikalischen Erschöpfung und Resignation bleibt. Man möchte vielleicht von 'subverted expectations' sprechen, wenn man sich von dem Titel “Ausländer” ein Lied mit Anspielungen auf Gruppen mit ausländerfeindlichem Gedankengut versprochen hat, aber der Twist gelingt nur minimal, schon nach den ersten 30 Sekunden ist man darüber hinweg. Der Schockfaktor wurde wohl höher antizipiert als er sich letzlich darstellt. Das Thema des Sextourismus mag seine Berechtigung haben, gehört es doch zu den Realitäten, über die man nur verschämt und hinter vorgehaltener Hand oder mit größtmöglicher Empörung spricht. Die Kritik, gekleidet in das schmierige Sabbern des “weltgewandten” Aufreißers, kommt aber leider nur als poppiges Ballermanngeschwafel daher. Wiedererkennungswert und Mitsingfaktor ja, Substanz fehlt. Zum Abschluss nimmt das Album mit “Tattoo” noch mal etwas Fahrt auf, aber auch dieses Lied kann nichts mehr retten.

Die Wucht der Provokation und Empörung, die harten Klänge, die durch Mark und Bein gehen, das Bedürfnis die eigene Frustration und den Weltschmerz hinauszuschreien, das Adrenalin hat einem dumpfen Dröhnen Platz gemacht. Leere Phrasen und Banalitäten bestimmen das Thema, neuzeitlicher Pop und elektronisches Gedüdel geben den Takt vor, anstatt von Aufhängern und Unruhestiftern hören wir nur mehr oder weniger versaute, semi-provokante Texte ohne Tiefgang und ohne Biss. Man verlässt sich scheinbar zu sehr auf den eigenen Namen und die alten Rezepte.

Die Formel “Rammstein” wird auch nach 10 Jahren noch Stadien füllen. Für mich wirkt sie aber einfach nicht mehr.


Bewertung 2/5

Rezension von Alex

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