The Aeronauts


Die Aeronauten (orig. The Aeronauts) ist ein biographischer Abenteuerfilm, inspiriert von einer wahren Geschichte, und für die Steampunker und Geschichtsliebhaber unter uns eine definitive Empfehlung.Im Zentrum der Erzählung steht der rekordträchtige Ballonflug von James Glaisher und Henry Coxwell vom 5. September 1862. Im Film wurde die Figur von Henry Coxwell durch Ballonfahrerin Amelia Wren ersetzt, die angelehnt ist an historische Frauen wie die professionelle Ballonfahrerin Sophie Blanchard oder Aeronautin Margaret Graham. Obgleich ich auch gerne eine Verfilmung des Fluges von Glaisher und Coxwell gesehen hätte, nimmt diese Änderung der Geschichte nicht viel; ein wenig Meckern auf hohem Niveau habe ich mir diesbezüglich aber im Verlauf der Rezension nicht nehmen lassen.Es geht um Wiedergutmachung und zweite Chancen, eine gestorbene Liebe und eine wachsende Freundschaft, und um einen Ballonflug, der das Leben und die Wissenschaft verändern soll. Hier also meine (nicht ganz spoilerfreie) Meinung zu den Aeronauten.


Der Film beginnt mit einem cold open, wie einer Traumsequenz, deren Inhalt zu diesem Zeitpunkt noch nicht voll erfassbar ist. Eine Ballonfahrt, zwei Menschen in Panik, eine Person fällt durch die Wolken, innerhalb von Sekunden ist der Traum vorbei und wir befinden uns im Hier und Jetzt, im Jahr 1862. Amelia Wren scheint genau so aufgerüttelt durch die Bilder wie der Zuschauer, aber schon in der nächsten Szene ist alles vergessen. Nach einer ordentlichen Portion foreshadowing mit Hinweis auf die Flugtüchtigkeit des Ballons (ein wenig fühlte ich mich an die "unsinkbare" Titanic erinnert) treffen unsere zwei Hauptakteure aufeinander.Hier zeigt sich direkt, dass das Kostümbild sein Handwerk versteht. Amelia zeigt sich bunt, extrovertiert, wie ein Pfau inmitten der zurückhaltenden Zuschauermenge, abseits den Konventionen der viktorianischen Frau. Man könnte beinahe ein Schleudertrauma bekommen von der 180° Wendung, die ihr Charakter seit der Anfangsszene genommen hat. In starkem Kontrast dazu James Glaisher, ruhig, bedeckt in seinem grau-braunen Anzug mit Newsboy Cap und ein wenig überfordert mit der Aeronautin (Redmayne fängt die leicht irritierte Stimmung des Zuschauers ob des Showaktes punktgenau ein und gibt diese wieder). Und so spiegelt ihre Kleidung die jeweiligen Temperamente der Charaktere unmissverständlich wieder.

Immer wieder werden Traumsequenzen und Rückblicke in die Leben der Charaktere eingeschoben und je weiter der Film fortschreitet, umso mehr verstehen wir, was uns dort gezeigt wird. Dieses graduelle Aufdecken der Hintergrundgeschichte wird gezielt platziert und bringt die Geschichte um genau die Information weiter, die es zum Verständnis der Geschehnisse brauchte. Wir bewegen uns nur zwischen wenigen Schauplätzen, sodass vor allem Charakterentwicklung die Geschichte trägt, und zu dieser leisten diese Sequenzen einen nicht unwesentlichen Beitrag. Bedauerlicherweise wird zu wenig Zeit für die Entwicklung der Nebencharaktere gelassen, welche auf ihre ganz eigene Art ihre Rolle in der Gesellschaft und in dem Abenteuer zeigen wollen, aber zumeist nicht mehr als ein marginales Hindernis oder Sprungbrett für die Hauptcharaktere darstellen.


Der Film schafft es nicht immer, sich aus den typischen Klischees rauszuhalten, obwohl er das Potential gehabt hätte. So wird uns eine junge, resolute Amelia gezeigt, die sich gegen das Patriarchat der Royal Society stellt und mit einem schnippischen Kommentar an den werten Herren vorbeistampft. Während ich die nicht nur in dieser Szene thematisierten Einblicke in die traditionellen Geschlechterrollen und den Ausbruch oder das Verharren in ebendiesen sehr begrüße, habe ich eine derart gestaltete Auseinandersetzung schon zu oft gesehen. Selbst die durchgehend hervorragende Schauspielleistung von Jones kann diese Szene nicht retten. Auch der bonding moment, in dem James das Korsett von Amelia öffnet, weil sie an die Rückenpartie nicht herankommt, wurde schon so oft durch den Filmwolf gedreht, dass es mir nicht einmal mehr ein Schmunzeln abgewinnen kann. In solchen Momenten kann ich nicht umhin, mich zu fragen, wie wohl die wahre Geschichte von James Glaisher und Henry Coxwell ausgesehen haben mag.Einen großen Pluspunkt gewinnt der Film wiederum durch die Abkehr von dem allseits bekannten und mehr oder weniger geliebten "boy meets girl"- Tropus. Der Film macht schnell klar, dass dies keine Liebesgeschichte ist, sondern die Bildung einer tiefe Freundschaft zwischen zwei Menschen, die sich trotz ihrer Unterschiede im anderen wiedererkennen. Redmayne und Jones schaffen eine dynamische Beziehung und Entwicklung zwischen den Charakteren, die sich vielschichtig, verletzlich, vertraut und verdient anfühlt.


Die Szenenkomposition zeigt sich trotz minimalistischer Sound- und Bildkulisse reich an Informationen durch gezielt gesetzte Symbolik, ungewöhnliche Kameraführung und dem Schnitt, der es durchgehend versteht, im richtigen Moment wegzublenden. Leider verhindert dies nicht, dass der Film sich beizeiten langatmig und ereignislos anfühlen mag. Dabei ist es gerade dieses Verharren in der Stille, die von den Charakteren, den Wide Shots in der Luft und der gesamten Atmosphäre ausgeht, welche den Raum schafft, sich mit den gezeigten Bildern auseinanderzusetzen.Besonders der Fisheye Shot ist zu erwähnen, wird dadurch doch die dramatische Kletterpartie von Amelia in eisiger Kälte und höchster Höhe zugespitzt; der eintretende Sauerstoffmangel und die Hypothermie scheinen auch den Zuschauer zu ergreifen.Zum Ende hin wird auch die Traumsequenz aufgelöst und die gesamte Geschichte fügt sich zusammen wie ein Puzzle. Ich muss diesen Film für einige Momente auf mich wirken lassen und weiß dennoch schon, dass ich ihn noch viele Male mehr ansehen werde, um auch wirklich jeden noch so kleinen Aspekt zu entdecken, der mir beim ersten Sehen entgangen ist.


Von mir gibt es trotz kleiner Mängel und dem gelegentlichen Abrutschen in altbekannte Filmklischees viereinhalb wohlverdiente Zahnräder!


Bewertung 4,5/5

Rezension von Alex