Psychobilly Kicks Back (against cancer) Festival

Ginger Meadham war in unserer ersten Ausgabe bereits vertreten und gab uns ein Interview über die von ihm gegründete Organisation: Psychobilly Kicks Back (against Cancer). Kurz nach dem Interview überlegte Ginger, dass ein weiterer Bericht vom ersten Kicks Back Festival in Deutschland, auch sehr spannend wäre. Selbstverständlich war ich begeistert. Hier findet ihr also nun den Bericht von ersten Psychobilly Kicks Back Festival in Deutschland. Viel Spaß!

Die Vorfreude auf das Festival war riesig, denn ich sah natürlich das grandiose Lineup und viele bekannte Gesichter die sich im Vorhinein angemeldet hatten. Ganz besonders freute ich mich über die Anwesenheit von drei Zorns, eine Gruppe mit der ich schon mehrfach denkwürdige Tage/ Nächte verbringen durfte.

Tag 1

Am 19.10.2018 reiste ich nach Wuppertal. Ich frage mich bis heute noch, ob ich die einzige Person bin, der in der Wuppertaler Schwebebahn speiübel wird. Die letzte Station ließ ich daher aus und lief lieber zum Hotel. Natürlich erinnerte ich mich an die Berge und Treppen in Wuppertal. Das Feuertal Festival war ja noch gar nicht so lange her. Jedoch besteht Wuppertal auch aus ebenen Straßen, wie ich erfreut feststellen konnte.

Nach kurzem Frischmachen machte ich mich auf den Weg ins Underground Wuppertal. Natürlich grüßte ich mich erstmal quer durch die Menschen draußen vor dem Club. Dort traf ich auch zum ersten Mal Ginger mit seiner sehr liebenswürdigen Tochter Zoe. Wir tauschten ein paar Sätze aus und besprachen nochmal kurz das Vorgehen für den Bericht. Er ergriff meine Schulter und sagte: “Tu was du tun musst um uns einen hervorragenden Bericht zu schreiben!“ Ich fühlte mich als hätte ich gerade einen Kaperbrief erhalten. Mit dem Pirates of the Carribean Theme im Ohr, schnallte ich mir meine Kamera um und betrat das Underground.

Drinnen traf ich natürlich sofort weitere bekannte Gesichter und auch Organisator Thomas Heiden. Thomas hatte mich im Vorfeld bereits willkommen geheißen und mir bestmögliche Hilfe zugesichert. Er verriet mir Details zu den Bands und half mir bei Fragen im Nachhinein. Thomas ist Mitglied der Cruisers Germany. Die Gruppierung Cruisers findet man in vielen Ländern. 2017 gründeten sich die Cruisers Germany neu. Die Cruisers sehen auf den ersten Blick aus wie ein Bikerclub, jedoch handelt es sich hier um einen Zusammenschluss von Psychobilly und Rockabilly Liebhabern, die in der Gemeinschaft ihre Leidenschaft ausleben. Ich muss gestehen, am Anfang war ich etwas unsicher womit ich es hier zu tun hatte, aber ich habe auf der ganzen Veranstaltung kein Mitglied der Cruisers gesehen oder gesprochen das aggressiv oder volltrunken war. Ganz im Gegenteil, jeder einzelne, dem ich an diesem Wochenende begegnete, war höflich, freundlich und äußerst hilfsbereit. Man sollte sich halt nie auf Äußerlichkeiten verlassen. Die Cruisers halfen bei der Organisation und der Durchführung. Sogar einige Bands stammten aus ihren Reihen.

Ich nahm mir kurz Zeit, um mich umzusehen. Vom Eingang aus konnte man in drei Richtungen gehen. Nach oben in den Backstage Bereich, nach rechts in den sehr gemütlichen Kneipenbereich mit Dartscheiben und nach links in den Konzertbereich. Eine sehr angenehme Aufteilung fand ich. Party in einem Raum und wenn man etwas mehr Ruhe und Gespräche möchte, geht man halt rüber. Insgesamt wirkte der Club gepflegt und sauber und hatte trotzdem einen wundervoll urigen Charme. Das Underground hat die Location ohne Miete zur Verfügung gestellt, für den guten Zweck. Ich sprach kurz mit Dirk, einem der Inhaber, über seine Motivation dazu:

Navigator: Dirk, wie kam es dazu, dass ihr euren Laden umsonst an das Kicks Back Festival gegeben habt?

 

Dirk: Wir stehen solchen Benefizveranstaltungen sehr aufgeschlossen gegenüber. Wir hatten auch schon einige hier in der Vergangenheit. Wir finden, dass es immer unterstützenswert ist, wenn es für einen guten Zweck ist und dann stellen wir auch gerne den Laden für lau zur Verfügung.

 

Navigator: Eigentlich seid ihr, von den Veranstaltungen her, doch eher im Bereich Gothic-Metal, oder irre ich mich da?

 

Dirk: Jein, mittlerweile nicht mehr so viel. Also die Underground Kneipe ist Metal, da läuft auch fast nur Metal ,aber der Underground Event Floor ist eine Mischgeschichte wo wir auch ganz verschiedene Veranstaltungen machen. Da geht es durch fast alle Musikarten und auch verschiedene Diskoveranstaltungen.

 

Navigator: Wie lange gibt’s euch hier schon in Wuppertal?

 

Dirk: Also wir sind dieses Jahr 18 geworden. Wir haben in der Wuppertaler Südstadt in einem kleinen Keller angefangen im Jahr 2000. So hat es sich dann weiterentwickelt. 2013 sind wir dann, aufgrund des verschärften Nichtraucherschutzes, umgezogen. Dann haben wir zuerst die Kneipe hier gemietet und zwei Jahre später ist dann der Event Floor dazugekommen.

 

Navigator: Wie hast du die Veranstaltung bisher wahrgenommen?

Dirk: Sehr positiv! Es ist ein nettes Publikum, die Bands sind durchweg gut und die Veranstalter sind alle sehr nett. Also klasse!

Bevor ich nun zu den Bands komme möchte ich noch einmal betonen, dass jede Band für den guten Zweck auf ihre Gage verzichtet hat.

Die Meltdown Kids eröffneten das Festival. Die Meltdown Kids kommen selbst auch aus Wuppertal. Das Trio besteht aus Christian, Patrice und Thomas. Die junge Band eröffnete das Festival mit hervorragend eingängigem Psychobilly.

Die folgenden Bilder sind von  Britt Byrnes Photography. Da ich immer wieder zu Interviews weg musste, stellt sie uns die Bilder zur Verfügung, die ich nicht machen konnte. Ein ganz liebes Dankeschön nochmal!

Bilder by Britt Byrnes Photography

Die Meltdown Kids übergaben die Bühne an die Koffin Rockers aus Australien, die gerade auf Tour durch Europa waren. Michael an der Gitarre, Dean an den Drums und Shaun am Kontrabass präsentierten einen Mix aus Rockabilly und Punkabilly der zum Mitnicken einlud. Shaun und Michael versuchten sich gegenseitig mit Kunststückchen an ihren Instrumenten zu übertrumpfen und boten zu guter Musik nun auch noch eine kleine Showeinlage.

Bilder by Britt Byrnes Photography

Als nächstes erwartete uns Paddlecell. Diese Mitglieder gehören auch den Cruisers Germany an. Diese Band spielt eine Mischung aus Psychobilly und Horror Ska. Eine sehr spannende Mischung. In voller Besetzung umfasst die Band auch noch mehrere Bläser. Wer mich kennt weiß vielleicht, dass mein Lieblingsinstrument das Saxophon ist. Deswegen hat mich diese Band natürlich sofort in ihren Bann gezogen. Daher war ich etwas enttäuscht, das nur das Paddlecell Trio, bestehend aus Frank am Bass, Mark als Sänger und Gitarrist und Pete am Schlagzeug, auftrat. Mir bleibt also nichts anderes übrig als mir Paddlecell nochmal mit Bläsern anzusehen. Jedoch schafften die drei es mich zu überzeugen. Egal ob mit oder ohne Bläser. Beide Varianten sind großartig und überzeugen durch ihre fast schon wahnsinnige Art zu Singen. Sänger Mark hat eine unglaublich spannende, rauchige Stimme. Ich hatte viel Spaß an ihrem Auftritt. Warum nur hatten sie die Bläser nicht mitgenommen? Fragen wir Bassist Frank doch am besten selbst:

Paddlecell Trio

Navigator: Wie kam es zu eurem Auftritt hier und woher kennst du Ginger?

Frank: Das ist so, dass wir als Cruisers Germany das Ganze hier mit Ginger zusammen aufgezogen haben. Unser Präsi, der Andree, hat das Ganze so ein bisschen eingetütet mit Ginger zusammen. So ist der Kontakt entstanden. Wir haben uns gedacht, diese Veranstaltung ist so großartig, dass wir sie auch nach Deutschland holen müssen und wir als Club die Möglichkeiten dann auch haben sowas aufzuziehen. Jetzt sind wir alle mächtig stolz, dass es so gut geklappt hat und hoffentlich auch weiterhin so gut klappt.

 

Navigator: Kannst du unseren Lesern vielleicht noch kurz erklären wer die Cruisers sind?

 

Frank: Cruisers ist ein Rockabilly/Psychobilly Club. Es ist kein Rocker Club und auch kein Motorrad Club sondern es geht tatsächlich nur um die Musik und darum der Szene eine Plattform zu geben. Dafür machen wir uns stark, das die Szene am Leben bleibt.

 

Navigator: Wo habt ihr eure Bläser gelassen?

Frank: Unsere Bläser haben wir tatsächlich einfach mal weggelassen, weil wir tatsächlich als zweites Projekt das Paddlecell Trio machen, um einfach auch mal was anderes machen zu können und eine andere Bandbreite anzusprechen.

Navigator: Es kam ja sehr gut an!

Frank: Ja, offensichtlich! Das Publikum ist richtig geil abgegangen und wir waren mega glücklich weil alles so gut lief.

Bilder Brina

Nach dem Interview suchte ich wieder die Gesellschaft meiner Damen des Zorns auf. Was dann geschah zeigen diese Bilder.

Bilder Brina

Uns erwartete nun Knocksville. Wie man mir sagte: “The sexiest Band alive - in Psychobilly“ oder „Die Backstreet Boys des Psychobilly!“. Das klang ja vielversprechend als Vorankündigung. Knocksville spielt Blues infested Punkabilly und kommen aus England. Ginger und die Band verbindet eine tiefe Freundschaft, wie ich später erfuhr. Zudem haben Mitglieder der Band selbst geliebte Menschen an den Krebs verloren. Am Bass spielt Jason, Martin an der Gitarre und Chris am Splagzeug. Ziemlich schnell verstand ich warum sie mir als „sexiest band alive“ vorgestellt wurden. 3 junge Herren mit männlichem Bart (bis auf Chris), spielen großartige Songs, mit freiem Oberkörper. Jason spielte sogar, auf seinem Bass stehend, unten im Publikum. Während ich versuchte gute Bilder zu machen, fielen mir direkt mehrere Damen in der ersten Reihe auf, die total ausrasteten. Am Ende stürmten sie die Bühne und kuschelten sich zu den Jungs fürs Abschlussfoto. Das war also der Boygroupcharakter von dem man vorher sprach. Wer die Band noch nicht kennt ist nun sicher neugierig auf die Bilder. Daher werde ich zuerst ein paar Bilder präsentieren, bevor ich ein wenig mit der Band spreche.

Nun wollte ich mit der Band ein Interview Backstage machen. Da ich das falsche Bändchen hatte kam ich zuerst nicht in den Backstage Bereich, denn die Security machte einen guten Job. Zur Hilfe kam mit Amanda Meadham. Was mir sofort auffiel war ihre starke und leidenschaftliche Stimme. Es gibt selten Menschen die man bei so viel Hintergrundgeräuschen noch gut hören kann ohne das sie schreien müssen. Da sich die Jungs von Knocksville noch umzogen und frisch machten, sprach ich ersteinmal mit Amanda und Ginger. Dieses Interview und auch das weitere Gespräch war so spannend, emotional und wichtig, dass ich mich noch vor Ort dazu entscheid es auf eine eigene Seite auszulagern. Ihr findet es bald hier unter Meet the Meadhams.

Bilder von Brina

Navigator: Wie habt ihr Ginger kennengelernt?

Jason: Ich traf Ginger das erste Mal vor circa 3 Jahren. Ich hörte davon, dass er Kicks Back macht und wollte mit ihm reden. Also sprach ich ihn an und wir begannen zu texten.

 

Navigator: Also ihr habt Ginger angesprochen?

 

Jason: Ja, ich kannte seinen Namen natürlich schon vorher, er ist immerhin eine große Person in der Szene. Wir unterhielten uns immer wieder über drei Monate hinweg und wurden richtig gute Kumpel. Er witzelt manchmal darüber, dass ich sein langer verschollener Sohn aus einer früheren Zeit sei. Denn es gibt so viele Gemeinsamkeiten….

 

Chris: Armer Ginger!

 

Jason: Ich bin arm dran!

 

Chris: Nein, armer Ginger!

 

Navigator: Wann habt ihr dann von Kicks Back erfahren?

Jason: Wir wussten schon von Kicks Back und was es war. Mein Ex-Schwiegervater starb an Krebs circa 2 Jahre bevor wir mit allem anfingen. Wir mussten zusehen wir er immer mehr abbaute und dann verstarb. Das war scheiße, gelinde gesagt! Das gab mir den Antrieb mich mehr für Wohltätigkeit zu engagieren. Als Ginger uns dann etwas über Kicks Back erzählte, wollte ich einfach nur dabei sein.

Martin: Auch ich habe jemanden an den Krebs verloren. Daher sind wir alle sehr glücklich hier auftreten zu können, wir wollen wirklich helfen!

Navigator: Als Ginger euch gefragt hat, habt ihr bestimmt einfach ja gesagt, oder?

 

Jason: Na klar! Wir sind zudem eine Band die nie einen Auftritt ablehnt, egal ob bezahlt oder nicht. Wenn es zudem noch etwas ist das uns so am Herzen liegt wollen wir nicht nein sagen, wir können nicht nein sagen. Es ist so wichtig und es ist so cool, dass sich alle hier engagieren und zudem kann einem die Musik so viel geben.

 

Martin: Es ist auch ein klein wenig um Danke zu sagen.

 

Jason: Absolut! Denn wir wurden von der Szene, in den letzten Jahren, so willkommen geheißen und aufgenommen, dass wir uns wie ein Teil einer Familie fühlen. Es ist toll, dass wir auf jedem Auftritt inzwischen Menschen treffen, die wir schon kennen und die sich für uns interessieren und die wissen wollen wie es uns geht. Das sind inzwischen Freunde statt Fans. Daher wollen wir der Szene helfen und natürlich auch etwas für den guten Zweck tun!

Knocksville

Im weiteren Verlauf des Festivals zeigte uns Martin auch noch seine Ausdauer und Kontrolle beim „Becher auf Betrunkenen stapeln“.

Im Backstage Bereich traf ich zudem auch noch Sarah. Sarah war die gute Fee im Backstage Bereich. Sie bot mir sofort etwas zu Trinken an und fragte ob ich irgendwas brauchte und dazu hatte sie immer ein ehrliches und warmes Lächeln auf den Lippen.

Nun betraten die 56# Alley Chaps die Bühne. Sie spielten ihre eigene Mischung aus Neo Rockabilly, Psychobilly, sowie Surf und New Wave. Das Trio aus Wuppertal besteht aus Serge an der Gitarre, dePFuerst am Bass und Basti an den Drums. Mit tiefer und brummender Stimme brachte Serge das Publikum auf Touren.

Bilder by Britt Byrnes Photography

Als letzte Band des Abends erwarteten uns die Rusty Robots. Ich mag Bands mit Humor, von daher freute ich mich auf diese Psychobilly Band aus Goslar. Das Trio spielt Oldschool Psychobilly und hat dabei sehr viel Spaß. Chris spielt am Schlagzeug und überzeugte als stehender Schlagzeuger sofort. Besonders gut gefiel mir Paddy am Kontrabass. Er überzeugt mit ruhigem und entspanntem Gemüt und hoher Professionalität. Ich hatte später noch die Chance mit den Jungs zu sprechen.

Rusty Robots

Navigator: Wie hab ihr Ginger kennengelernt?

Paddy: Das muss entweder auf einem Highliners Konzert oder einem Ricochets Konzert gewesen sein. Dann sind wir einfach so ins Gespräch gekommen aber noch sehr oberflächlich. Dann haben wir uns auf den Kicks Back Festivals in England und anderen Konzerten wieder getroffen und unterhalten. Daraufhin hat sich der Kontakt immer mehr entwickelt.

 

Navigator: Habt ihr euch für Kicks Back gemeldet oder wurdet ihr gefragt?

 

Paddy: Wir wurden gefragt und das Intertresse unsererseits war sehr groß.

 

Navigator: Dann habt ihr glatt Wuppertal genommen! Nächstes Jahr auch wieder?

 

Paddy: Wenn wir gefragt werden, mit Sicherheit!

 

Navigator: Was bedeutet es für euch hier zu spielen?

 

Chris: Ja, was bedeutet das? Na zuerst einmal ziemlich früh aufstehen! Nein, Quatsch! Ich find das ne gute Sache, Krebs ist kacke! Das aber dann sowas hier daraus entsteht finde ich richtig gut. Ich glaube bei uns hat auch keiner wirklich überlegt ob ja oder nein. Ich befürchte zudem auch, dass auch hier in der Szene Menschen früher oder später an Krebs erkranken werden, ich meine wir leben ja alle nicht ewig. Ich persönlich würde es immer wieder machen!

 

Navigator: Jetzt rückblickend, wie war der Auftritt für euch?

 

Chris: Warm!

 

Salmi: Der Schlagzeuger war zu schnell!

 

Chris: Dafür hat unser Sänger vergessen wie er die Lieder geschrieben hat!

 

Paddy: Es war also so ein typischer Rusty Robots Auftritt!

 

Chris: Wir wären auch nicht Rusty Robots wenn wir nicht Spaß am Spielen hätten, also wenn wir nicht Spaß am scheiße Spielen hätten.

 

Navigator: Das ist halt das Punkelement im Psychobilly!

Bilder von Brina

So endete der erste Konzerttag. Vor der Bühne durfte jetzt ausgiebig zur Musik von der Platte gewreckt und getanzt werden.

Ich musste gestehen, dass ich bereits etwas erschöpft war und daher den Abend noch ruhig ausklingen lassen wollte. Es dauert ja auch immer bis man sich das ganze Haarspray aus den Haaren und Makeup aus dem Gesicht gekratzt hat. Also schnappte ich mir meinen Zimmergenossen Luca und ging zum Hotel.

Tag 2

Tag 2 begann sehr ruhig. Gegen 15:00 starteten wir in Richtung: Mächtiges Psycho Mampfen. Viele hatten sich zum gemeinsamen Essen beim Italiener verabredet. Natürlich wurden wir von den Einheimischen merkwürdig beäugt: zu spät für Karneval und zu früh für Halloween. Jeder von uns kennt das, aber als große Gruppe von 15-20 Psychos hatte das nochmal eine ganz andere Dimension.

Beim Italiener angekommen hatte es eine ähnliche Wirkung auf die übrigen Gäste. Eine Mischung aus Furcht und Neugierde war den anderen Gästen ins Gesicht geschrieben. Bald hatten wir das kleine Restaurant ganz für uns allein. In der Zwischenzeit stießen auch nochmal ca. 10 Psychos hinzu. Das Personal freute sich über das volle Haus und spielte sogar Psychobilly im ganzen Laden. Tobi, der nach einer „mit Liebe gemachten Pizza“ fragte, erhielt diese und zwar in Herzform. Das Essen war absolut hervorragend!

Danach gingen wir zurück zum Veranstaltungsgelände, trafen uns dort auf dem Parkplatz mit den anderen und bereiteten uns auf den zweiten Abend vor. Zuerst mussten wir ein junges Paar im Auto stören (beim Schlafen, ein Schelm wer hier Böses denkt!), da sie auf unsere Getränke aufgepasst hatten. Nur waren diese jetzt IM Auto. Rücksichtsvoll klopften wir an die Fenster. (Eigentlich spielten wir blutrünstige Zombiemeute am Fenster aber echte Psychos bringt das doch nicht aus der Ruhe) Nach viel Gelächter und einer hypothetischen Bandgründung ging das Festival auch schon weiter.

Als erste Band spielten Psychofarmaka. Wie mir zugetragen wurde, hat Matz damals Gingers Schlagzeug ersteigert und dadurch entstand der gute Kontakt zu Ginger heute. Die Jungs haben einen grandiosen Einstieg in Tag 2 gegeben.

Bilder by Britt Byrnes Photography

Cobra Express präsentierte danach Surf aus Karlsruhe. Das Trio liebt Auftritte und das merkte man auch. Surf ist zwar nicht gerade mein favorisiertes Genre, aber ich liebe gut gemachte Musik, egal aus welcher Spate. Und die fand man bei Cobra Express vor.

Bilder by Britt Byrnes Photography

Nun kam mein erster Favorit an diesem Abend: Clockwork Psycho spielen Psychobilly und Punkabilly aus Slowenien. Was jedem sofort auffällt: Sie haben eine sehr talentierte Frontsängerin die den Kontrabass spielt. Viel zu wenige Frauen wagen sich an den Kontrabass und das finde ich sehr schade. Zudem überzeugt Lilit nicht nur durch ihre rotzig-punkige Stimme und ihr großartiges Bassspiel sondern auch als Persönlichkeit und durch ihren freundlichen Charme. Natürlich hat Lilit, durch Al und Marko noch zwei weitere Vollblutmusiker in der Band die ein Konzert von Clockwork Psycho zum Erlebnis machen.

Bilder by Britt Byrnes Photography

Die Psychobilly Band Jack O´Bones aus England brachte junge Verstärkung mit. Mit Alfie Morris an der Gitarre zeigten die Herren im Sträflingsoutfit, dass es doch noch Nachwuchs in der Szene gibt. Ginger spielte auch mit an einer einzelnen Snare. Die Jack O´Bones spielen zudem auch noch ein Weihnachtskonzert für Kicks Back. Am Abend erfreuten Alfie und sein Vater das Publikum noch weiter als DJs.

Bilder by Britt Byrnes Photography

Nun kam der Konzertteil der bei Weitem den größten Zulauf hatte. Die Ricochets, Gingers erste Band, war der absolute Publikumsliebling. Der Saal kochte. Die Wreckingpits waren sehr voll und überall wurde gejubelt und getanzt. Ich sah nahezu alle anderen Musiker auch im Publikum, alle feierten zusammen den Musiker, der das alles hier möglich machte. Als eine der ersten, echten Psychobilly Bands ist natürlich klar, dass alle Mitglieder schon etwas älter sind. Das weiß man vielleicht aber gemerkt hat man es nicht! Es war ein großartiges Konzert und Band sowie Publikum waren danach voller Euphorie und erschöpft.

Bilder by Brina

Navigator: Dave, wann hast du Ginger das erste Mal getroffen?

Dave: Das wirst du mir nicht glauben aber ich traf Ginger, als wir so ca. 9-10 Jahre alt waren, beim Kampfsport. Ginger war dort, Sam und Steve und ich auch. Wir machten alle zusammen Kampfsport. Von da an wurden wir richtig gute Freunde. Das war in den frühen 70er Jahren. Wir gingen zusammen in Pubs, alle von uns an jedem Wochenende.

 

Navigator: Wie startete dann eure Musikkarriere?

Dave: Die startete zwischen 1978/79. Ginger spielte schon Schlagzeug jedoch fast nur Heavy Metal. Dennoch war er auch in der Rockabilly Szene unterwegs. Steve und Ich waren Teddyboys, danach Rockabillys und Sam rockte auch schon. Wir alle damals schon Rocker aber Ginger war immer noch eher Metaller. Er hatte zum Beispiel lange Haare und wir anderen trugen Schmalzlocken. Wir wurden mit Schmalzlocken geboren, wir trugen immer Schmalzlocken, nun ja, bis wir unsere Haare verloren (lacht). Ja, so ist das nun mal, Sam hat noch ein paar. Dann fingen wir an zusammen Musik zu machen. Steve und ich spielten Gitarre. Sam kaufte 1978 seinen ersten Kontrabass und lernte ihn zu spielen. 1979/80 slappte Sam den Bass wie bei den Original Comets. Zu dieser Zeit begannen wir zusammen zu proben, bei uns zu Hause und bei den anderen zu Hause.

 

Navigator: Dann nahmt ihr jedoch eine Pause?

Dave: Ja, wir machten Pause. Folgendes war passiert: Ich verließ die Band und heiratete 1981. Das erste Album der Ricochets erschien 1983, mit Laster Jones als Sänger. Die Ricochets spielten wenig im Ausland aber dafür sehr viele Shows in England! 1984/85 lösten wir uns dann auf. Wir hatten alles erreicht was wir wollten: Wir hatten ein großartiges Album aufgenommen. Dann kamen die Guana Batz auf Sam zu und Sam trat der Band bei. Zur gleichen Zeit ging Ginger zu den Meteors und sie hatten eine großartige und wilde Zeit. Sam spielte bei den Batz bis 1989, dann taten sich die Ricochets wieder zusammen. Wir kamen wieder zusammen und hatten neues Material. Wir produzierten unser zweites Album. Zu dieser Zeit war ich auch wieder dabei und übernahm die Vocals. Seitdem haben wir nie wieder zurück geschaut. Ginger heiratete meine Schwester Mitte der 80er. Wir sind also eine richtige Familienband.

 

Navigator: Kannst du uns erzählen wie es war als ihr von Gingers Krebsdiagnose gehört habt?

 

Dave: Es begann vor ein paar Jahren. Ginger hatte starke Rückenprobleme. Als er zum ersten Mal sagte er habe Krebs, war dieser in seinem Gesicht und seiner Nase. Ginger sagte: “Zum Teufel damit! Ich mache einfach weiter!“, und das tat er auch. Das ist der Grund warum wir heute hier sind, denn er baute all dies hier auch, um der Krebshilfe Unterstützung zu bieten! Es ist eine großartige Hilfsaktion und es wird noch größer und besser und wir werden da sein, spielen und ihn unterstützen. Solange er noch Laufen, Atmen und Schlagzeugspielen kann, werden die Ricochets weitermachen.

Ricochets

Nach dem Interview mit Dave hatte ich etwas Zeit mit den Jungs der Eightbomb zu sprechen. Ich war sehr erfreut Matevž wiederzusehen. Dieser junge Musiker hat einen ruhigen Charme und ist neben seiner liebenswerten Art auch ein sehr unterhaltsamer Gesprächspartner. Frontsänger Jure schätze ich sehr aufgrund seines fröhlichen Charackters und seinem großartigem Humor.

Auf die Eightbomb habe ich mich auch ganz besonders gefreut. Die zweite Band aus Slowenien an diesem Abend kannte ich schon von einem vorherigen Interview. Diese Band hat einen sehr erfrischenden Wahnsinn auf der Bühne. Frontsänger Jure ist immer unterwegs und schaut mit riesigen Augen ins Publikum. Zudem dreht er mit seiner Gitarre gerne ein paar sehr flotte Runden auf der Bühne. Am besten lasse ich hier die Bilder sprechen. Wer mich kennt weiß unter Umständen auch, dass Matevž mein absoluter Lieblingsbassist ist. Er hat eine Art den Bass so wild und leidenschaftlich zu spielen, die ihres Gleichen sucht. Zudem schafft er es, mit einem Gesicht wie in der Hauptscene in „The Shining“, mir jedes Mal das Gefühl zu geben, sein Kontrabass stünde unter Strom wenn er spielt. Stand Up Drummer Urban rockt nicht nur hinter den Drums sondern spielt sie auch gerne mal von vorne oder klettert ein wenig auf der Bühne herum. Neuzugang Lev wirkte dagegen noch etwas steif aber ich bin mir sicher, in einem halben Jahr rockt auch er selbstbewusst die Bühne.

Im Anschluss hatte ich Zeit um mit Clockwork Psycho und Eightbomb zu sprechen.

Bilder by Brina

Eightbomb/ Clockwork Psycho

Navigator: Jure, wie hast du Ginger kennengelernt?

Jure: Ich traf Ginger bei einem Auftritt der Highliners in Ljubljana. Wir unterhielten uns über unsere Alben und ja, so begann alles.

Navigator: Wie sieht es bei dir aus Al? Wie hast du Ginger getroffen?

Al: Ich traf ihn das erste Mal beim Bedlam Breakout. Er ist ein guter Freund unserer Sängerin Lilit. Wir unterhielten uns dort und ich mochte ihn von Anfang an. Er ist ein klasse Typ und ein großartiger Drummer.

 

Navigator: Wann habt ihr dann von seiner Organisation Kicks Back erfahren?

Jure: Eines Tages kam Dule zu uns. Er hatte eine Einladung für Clockwork Psycho zum Kicks Back Festival bekommen. Er sagte: “Ja aber darf ich euch auch noch Eightbomb vorschlagen? Die sind richtig gut!“ Das sind seine Worte, nicht meine. Ginger hatte uns ja schon mal in Bedlam gesehen und eine Liveshow von uns in Slowenien also sagte er: “Ja, natürlich!“ Selbstverständlich waren wir alle auch sofort dafür, vor allem als wir hörten, dass es eine Benefizveranstaltung sei. Wir fahren 13 Stunden nach Deutschland aber das machen wir gerne wenn es für einen guten Zweck ist. Heute habe ich mit Ginger noch darüber gesprochen wie wichtig diese Organisation ist. Menschen die Krebs hatten oder noch haben müssen darüber reden und hier fangen die Menschen auf einmal an über Krebs zu reden! Vor 5 Jahren hätte das noch niemand auf einem Festival getan. Menschen trauen sich zu reden, sich auszutauschen, sich gegenseitig Zuspruch zu geben und Hoffnung. Das hilft den Schmerz zu lindern. Mir gefällt es sehr das mitzubekommen und ich liebe es, dass so eine Masse von Menschen dies alles unterstützt. Oh, hier kommt gerade Lilit.

 

Navigator: Perfekt! Lilit, wie hast du Ginger kennengelernt?

 

Lilit: Ich traf Ginger, uhh ich glaube das war in Bedlam das erste Mal. Das ist jetzt ca 4 Jahre her. Danach spielte ich über ein Jahr bei den Highliners. Ich liebe ihn, seine Familie, seine Tochter und ganz besonders das was sie tun: Sie bringen die Szene zusammen und tun damit auch noch was Gutes! Beides ist unglaublich wichtig! Die anderen Festivals sterben zudem langsam aus weil die Zuschauer ausbleiben.

 

Navigator: Ich nehme an, als er dich ansprach ob du hier auf dem Festival spielen willst, hast du nicht erst überlegen müssen um ja zu sagen?

 

Lilit: Natürlich musste ich das nicht!

Den Headliner an diesem Abend bildeten die Jungs der Griswalds. Die aus England und den Niederlanden stammende Band spielen Psychobilly und haben dem Saal nochmal richtig eingeheizt. Sänger Gary verbiegt sich, in fast artistischer Weise, so sehr auf der Bühne, das man glatt Angst bekommt er könne durchbrechen. Das Publikum kannte die Songs und tanzte wild und heftig dazu. Die Griswalds beendeten einen wirklich grandiosen Konzerttag mit einem bombastischen Auftritt.

Bilder By Brina

Viele blieben noch lange und tanzten und feierten bis in die Morgenstunden. Ich verließ die Party gegen Mitternacht. Ich bin sehr glücklich über all dies berichten zu dürfen. Ich mag viele Musikrichtungen aber nur in der Psychobilly Szene kann ich einfach einen Aufruf in sozialen Netzwerken starten und bekomme sofort Antworten und Angebote zu helfen. Ich hoffe sehr, dass ich das nächste Mal auch wieder dabei sein darf!

Bericht und Interviews von Brina