Rough Silk -

Konzert in der SubKultur Hannover

Am 9.03.2019 wollte ich eigentlich für ein Interview nach Hannover. Da ich mir dazu ein Zimmer gebucht hatte und das Interview nachmittags war, besuchte ich abends noch die lieben Menschen in der SubKultur. Die Bands die abends spielten kannte ich zwar nicht aber sie passten thematisch ins Magazin und Jens sagte mir es würde sich lohnen. Ich hatte also ein Blind Date mit den Bands an diesem Abend. Auf dem Weg zur SubKultur war es ungewöhnlich kalt und es regnete. Ich erinnere mich, dass ich meine heißgeliebte Kamera (liebevoll Diana genannt) unter meine Jacke nahm, um sie vor dem Regen zu schützen. Mein Interview fiel leider aus. Meine Laune war also so wie das Wetter, bescheiden. Zudem war ich spät dran und ich hasse es mich zu verspäten.

Meine Laune wurde merklich besser, als ich bereits am Eingang auf die coolste Türdame der Welt traf. Melli war gut gelaunt und steckte mich sofort damit an. Schnell baute ich meine Kamera zusammen und war gespannt was mich heute Abend erwarten würde. Inhaber Jens sah mich an und fragte: “Was ist denn mit dir los? Du siehst irgendwie mitgenommen aus!“ Hm, ok. Vielleicht sollte ich nochmal ins Bad bevor die Band anfängt. Das war eine gute Idee, denn durch das Wetter sah ich nicht nur „irgendwie mitgenommen“ aus sondern wieder eine sehr schlechte Alice Cooper Parodie! Durch Wind und Regen war mein Makeup verschmiert und mein angedeuteter Mädchenflat sah aus wie ein Vogelnest. Zum Glück hatte ich genug Haarspray dabei, um daraus wieder so etwas wie eine Frisur zu machen. Schnell malte ich mir ein neues, frisches Gesicht auf und ging zurück zu meiner Kamera.

Das schlechte Wetter hielt wohl auch das Publikum fern, denn es war doch recht übersichtlich besucht. Als erste Band betraten Drowning Deep die Bühne. Sänger Salvatore kam im Krankenhaushemdchen mit einer Art Kuscheltier auf die Bühne. Skeptisch zog ich eine Augenbraue hoch und nahm die Kamera. Im ersten Song gaben sich Sänger Salvatore und Bassist Maddin eine Art Gesangsdiskussion im Schlagabtausch. Dieses Stilmittel empfand ich als besonders interessant und es wirkte dadurch wie zwei Stimmen in einem Kopf. Das Krankenhaushemdchen flog danach allerdings weg und die stilechte schwarze Rockkleidung des Sängers sorgte für Wohlbefinden, da nun meine Erwartungen an den Auftritt einer Metalband erfüllt wurden. Die Musik würde ich im Genre des Melodic Metals verorten und ich erfreute mich an den sozialkritischen Texten der Band. Gitarrist Jan hatte leider einen kleinen technischen Unfall. Sein Gitarrenband riss und er musste auf einen Stuhl umsteigen. Eine E-Gitarre auf einem Stuhl zu spielen passte auch nicht so ganz in mein Bild einer Metalband aber mir gefiel diese erfrischend andere Darbietung welche mir durch die gesamte Performance geboten wurde. Sänger Salvatore war unglaublich ausdruckstark und sang voller Emotionen mit einem leichten, italienischen Akzent.

In der Umbauphase staunte ich ein wenig. Wie viele Instrumente schleppen die denn da auf die Bühne? Ich sah ein Schlagzeug, einen E-Bass, eine Trompete, ein Keyboard und unglaublich viele Gitarren. Ich kann gar nicht sagen wie viele es an diesem Abend waren, denn ich konnte nur einen Ständer mit Gitarren sehen aber nicht wie viele es insgesamt waren. Ich fragte mich wie all diese Musiker sich auf diese kleine Bühne quetschen wollen. Es blieb spannend.

Der Schlagzeuger Herbert betrat die Bühne, gefolgt vom Gitarristen Mike, Keyboarder Ferdy und Bassistin Anke. Anke fiel mir durch ihre ruhige und besonnene Art auf. Sie spielte nicht einfach stoisch den Bass sondern baute kleine musikalische Spielereien in ihr Bassspiel ein und legte selbstbewusste Soli hin. Frauen am Bass finde ich ja immer besonders faszinierend, weil es so wenig Damen gibt die sich an den Bass trauen. Gerade der Kontrabass, den Anke auch spielt, nehmen die Damen eher ungern. Vielleicht ist er zu klobig, zu unhandlich oder zu unsanft für meine Geschlechtsgenossinnen aber egal aus welchem Grund der Bass so unbeliebt ist, er ist es einfach. Dementsprechend finde ich es umso besser wenn eine Frau den Bass spielt.

Schlagzeuger Herbert spielt schon seit Anfang der 90er mit Ferdy zusammen. Die beiden Musiker sind damit ein wenig älter als Anke und Mike und dieser Fakt wird auch regelmäßig humoristisch betont.

Die Band bezeichnet ihren Stil als „Progressive Oi!-Pop“. Ich habe lange überlegt wie ich das am besten erklären kann aber die Band kann das selbst viel besser als ich, daher lassen wir sie das erklären:

 

"Progressive" steht für den Progrockfaktor der Band, der sich aber von der heute gängigen Begrifflichkeit, die eher einen "Sportfaktor" im Sinne einer Technikdemonstration und einer mathematischen Rhythmikrechenaufgabe in den Vordergrund stellt, unterscheidet und sich eher in der Tradition der grossen alten Bands aus den 70er Jahren versteht, in denen es viel Raum für sphärische Jamparts, musikalische Vielfalt und aussergewöhnliche Instrumentierung gibt - also quasi die "Rough"-Seite des Bandnamens!

"Oi!" ist musikalisch eine Mischung aus englischem Pubrock der 70er Jahre, Punkrock, Heavy Metal und Celtic Folk-Harmonien - teilweise auch mit Reggae-, Hardcore- und Ska-Parts - und steht im Falle von Rough Silk für die "rockige" - also die "Rough"-Seite des Namens, gleichzeitig aber auch für die subkulturelle Grundhaltung der Band, sich an der heute immer mehr überhandnehmenden Kommerzialisierung und Formatisierung der Rockmusik zu verweigern, äussert.
Rough Silk sind eine Live-Band der alten Schule, die sich ausdrücklich von Bands, die auf der Bühne mit Playback und Samplern arbeiten, distanzieren, - alles ist live gespielt mit viel Raum für Spontanität und ohne doppelten Boden!
Da Ferdy Doernberg Halbengländer mit jüdischen Wurzeln ist, steht der Cockney-Begriff "Oi!" hier aber gleichzeitig auch für den in seinen Texten immer präsenten urbritischen schwarzen, ironischen und bitterbösen Humor!

"Pop" steht schlichtweg dafür, dass es der Band bei aller Experimentierfreude immer in erster Linie um einen guten Song geht, den man auch nur mit einer Akustikgitarre spielen kann, ohne dass etwas fehlen würde. Im Vordergrund steht immer die Melodie und ein eingängiger Refrain!“

Quelle: Facebookseite von Rough Silk

So, wer jetzt noch Fragen hat, der möge sie bitte direkt an Rough Silk richten!

Ferdy überzeugte mich am Keyboard gleich beim ersten Song. Er spielte wunderbar, verspielte Melodien tauschten ihren Platz mit härteren Akkorden. Ein großes Talent an den Tasten. Zudem sang er auch noch, zusammen mit Herbert, die Leadvocals. Ja, ich war beeindruckt und fühlte mich trefflich unterhalten. Nun könnt ihr meine Überraschung verstehen, als sich Ferdy eine Gitarre griff und perfekt mit Mike zusammen harmonierte. Bei fast jedem Song, wechselte er die Gitarre. Soweit ich es beurteilen konnte ist Ferdy ein großer Freund des Sliden also des Spielens der Gitarre mittels eines Bottlenecks. Er trat von der Bühne und spielte einfach mitten im Publikum. Manchmal spielte er die Gitarre direkt auf dem Schoß, fast wie eine Zither. Ja, ich war beeindruckt. Das kann man nicht anderes sagen. Als er dann auch noch die Trompete aufnahm war ich fassungslos. Jetzt wollte ich wissen wer das hier ist. Ich schrieb Veranstalter Jens an und erkundigte mich. Die Antwort kam prompt „Das ist Ferdy Doernberg. Er hat schon bei vielen Musikprojekten mitgespielt unter anderem bei Axel Rudi Pell!“

Nun hatte ich meine Info. Das war definitiv keine kleine Garagenband sondern Vollblut Profis die hier für das sehr kleine Publikum alles gaben als wäre es ein großes Stadionpublikum. Schlagzeuger Herbert beeindruckte nicht nur mit seiner rockig-rauen Stimme sondern auch mit einem unglaublichen Schlagzeugsolo. Zum Glück habe ich gerade noch im richtigen Moment den „Record“ Knopf meiner Kamera gefunden.

Ich kann kaum noch mehr sagen als hört euch diese Band unbedingt an! Das ist erstklassige Musik mit Leidenschaft und Emotionen. Mein erstes Blind-Date-Konzert war eine Riesenüberraschung und ich hatte keinerlei schlechte Laune mehr an diesem Abend.

Fotos und Bericht von Brina